Die Google-Tochter YouTube gilt als der Platzhirsch im Videomarkt. Facebook, lange Zeit die Nummer zwei, konnte in den vergangenen Jahren aber deutlich aufholen. Nun startet das soziale Netzwerk einen neuen Angriff auf die imperiale Macht. Die frisch lancierte Videoplattform IGTV, der Tochter Instagram, soll die Kraftverhältnisse neu regeln.

Dass visuelle Reize dem Menschen am meisten in Erinnerung bleiben, ist wissenschaftlich längst bewiesen. Will man einen Menschen also auf etwas aufmerksam machen, gibt man ihm am besten ein Bild dazu. Oder noch besser: ein bewegtes Bild. Kurze Filme steigern aber nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Kaufbereitschaft und Identifikation mit Marken. Immer mehr Unternehmen erkennen die Chance, die sich hinter dem Medium verbirgt und reichern das Netz mit entsprechendem Material an. Videos werden über kurz oder lang der wichtigste Content in der digitalen Welt sein. Der Ericsson Mobility Report rechnet beispielsweise damit, dass in 5 Jahren bereits 75% des gesamten Internet-Traffics aus Filmen bestehen wird.
Ein wichtiger Grund hierfür dürfte auch sein, dass Suchmaschinen wie Google den Einsatz des Mediums belohnen. Videos führen zu einem höheren Ranking und verbessern dadurch die SEO (Search Engine Optimization).
Google selbst hat die Bedeutung von Videos schon viel früher antizipiert und 2006 die Plattform YouTube gekauft, die sich seither im Markt zur führenden Grösse entwickelt hat. Täglich werden auf dem Portal rund vier Milliarden Clips geklickt. Monatlich melden sich rund 1,8 Milliarden Menschen dort an.

Ein heiss umkämpfter Markt

Mittlerweile haben auch andere Player die Zukunft des Marktes entdeckt. Denn analog zum TV gilt: Wo Menschen viel anschauen, ist auch viel Platz für Werbung. Im amerikanischen Markt geht man davon aus, dass schon mehr Geld in Werbung auf Videoplattformen fliesst, als in Sendepausen des konventionellen Fernsehens. Unternehmen wie Amazon und Netflix wollen einen möglichst grossen Teil des Kuchens für sich abgreifen. Kleinere Vertreter wie Clipfisch oder MyVideo wollen zwar auch mitwachsen, sind jedoch eher regionale Sparringspartner der globalen Wettbewerber.
Zu einem wichtigen Spieler hat sich auch Facebook entwickelt. Wo anfangs nur Text geliked wurde, wird man mittlerweile von Videos überlagert, die geliked, geteilt oder kommentiert werden. Inzwischen soll die Anzahl der täglich bei Facebook angesehenen Videos ebenfalls bei rund vier Milliarden liegen. Problem an der Sache: Viele Inhalte werden nicht in Facebook hochgeladen, sondern über YouTube geteilt. Der Markt liegt also weiterhin beim Konkurrenten. Facebook hat an dieser Stelle bereits reagiert und seinen Algorithmus umgebaut, sodass direkte Uploads auf Facebook hervorgehoben werden.
Ein weiterer wichtiger Teilnehmer an diesem Marktgedränge ist Instagram. Bei der Facebook-Tochter konnten bislang nur 60-sekündige Videos hochgeladen werden. In den Stories durften die Ausschnitte gar nur 15 Sekunden lang sein, konnten aber zu einer Story zusammengefügt werden. Der entscheidende Unterschied zu Facebook: Der Content wird direkt auf der Plattform hochgeladen. Die Länge der Uploads wird nun aber deutlich erhöht – mit der neuen Instagram TV App (IGTV).

Die neue Waffe heisst Instagram TV

Mit dem neuen IGTV können in Zukunft Inhalte mit bis zu 60 Minuten Länge hochgeladen werden. Diese können ähnlich wie bei YouTube zusätzlich mit Texten und weiteren Links versehen und zu Kanälen zusammengefasst werden. Zum Öffnen der App muss nur der Fernsehbutton in der oberen Leiste geklickt werden. Somit ist sie direkt in Instagram integriert. Separate Apps für Android und iOS folgen in Kürze. Beim Öffnen bekommt man keine Übersicht, sondern direkt ein Video gezeigt, eine Imitation des Fernsehens. Wichtigster Unterschied zu YouTube: Die Plattform ist für Hochkant-Videos ausgelegt. Das mobile Endgerät muss somit nicht gedreht oder mit zwei Händen gehalten werden.
Die App kann kostenlos genutzt werden und ist ohne Werbung. Natürlich hat Instagram aber wissen lassen, dass sich dieser Zustand irgendwann einmal ändern könnte. Erstmal zielt das Unternehmen darauf ab, Kunden an sich zu binden. Vor allem solche, die Instagram bereits nutzen und solche, die es leid sind, vor jedem Video in YouTube einen Werbespot zu sehen. Wichtige Leads dabei sind Influencer, die bisher auf YouTube posten, und Unternehmen mit ihrem Content-Marketing.
Das Potenzial dabei ist riesig. Aktuell nutzen ca. eine Milliarde Menschen oder Organisationen Instagram. All diese Kunden sind nur einen Touch von IGTV entfernt. Sollte das Unternehmen es schaffen, dass die Kunden dauerhaft lieber auf Instagram bleiben, um Videos zu sehen, statt dazu auf YouTube zu wechseln, droht der Google-Tochter ein Problem. Und dem Markt ein Wechsel an der Spitze.
Sollte es gelingen, eine kritische Masse für IGTV zu gewinnen, dürfte auch die Absicht, doch Werbung zu platzieren, konkretisiert werden. Die Einnahmemöglichkeiten würden den derzeitigen Umsatz sicher in die Höhe schnellen lassen. Und auch für Influencer dürfte IGTV dann noch interessanter werden, können Sie dann doch über bessere Gewinnbeteiligungen verhandeln. Das Modell Instagram könnte florieren. Zumindest so lange, bis ein anderer Konkurrent dazwischen drängt. Oder Google mit YouTube zum Gegenschlag ausholt. Dann ginge das Duell Facebook/Instagram vs. Google/YouTube in eine neue Runde.

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